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Sowiesokosten


am Beispiel eines Urteils der OLG Braunschweig


Das Argument der Sowiesokosten kann im Bauprozess für klagende Bauherren zu empfindlichen Verlusten führen, wenn sie vom Klägeranwalt nicht vorher von der Klageforderung in Abzug gebracht worden sind.

Weiter unten gebe ich den Volltext eines Urteils des OLG Braunschweig wieder, an welchem sich recht gut darstellen lässt, was Sowiesokosten sind und welche Folgen sie haben können.


Sachverhalts - Kurzdarstellung:

VOB - Festpreisvertrag über die Errichtung einer Fabrikhalle mit detailliertem Leistungsverzeichnis. Mangelhafter Brandschutz an der Halle wegen fehlender Oberlichter. Der Auftraggeber macht nach Fertigstellung der Halle Schadensersatzansprüche in Höhe derjenigen Kosten geltend, die aufzuwenden sind, um die Oberlichter jetzt noch nachträglich einzubauen. Das OLG Braunschweig verneint den größten Teil des Klageanspruchs mit der Begründung, es handele sich um Sowiesokosten.




Tipp für Bauunternehmen:
Dieses Urteil zeigt, dass es sich durchaus lohnen kann, im Mängelprozess mit Sowiesokosten zu argumentieren. Die Baufirma braucht nur 13 % derjenigen Kosten bezahlen, die tatsächlich für die Mängelbeseitigung aufzuwenden sind.

Das funktioniert aber nicht ohne detailliertes Leistungsverzeichnis und auch nicht beim so genannten funktionalen Pauschalfestpreisvertrag.

Auftragnehmern einer Bauvertrags ist daher zu raten, auch Festpreisverträge stets nur auf Basis eines detaillierten Leistungsverzeichnisses abzuschließen, mit der vertraglich vereinbarten Maßgabe, dass nur dasjenige als vertragliche Leistung geschuldet ist, was im Leistungsverzeichnis enthalten ist.

Wenn so verfahren wird, kann die Baufirma dann, wenn es sich herausstellen sollte, dass für eine mangelfrei Ausführung teurere Baumaßnahmen erforderlich sind, dem Mängelbeseitigungsverlangen des Bauherren die Sowiesokosten entgegensetzen und somit den Schaden reduzieren.


Tipp für Bauherren:
Bauherren ist - umgekehrt - zu raten, möglichst zu versuchen, mit ihrer Baufirma einen zwar sehr genau, aber insbesondere auch funktional beschriebenen Pauschalfestpreisvertrag abzuschließen, wenn sie verhindern wollen, bei etwaigen Baumängeln mit Mehrkosten in Form von Sowiesokosten konfrontiert zu werden. Es sollte z.B. vereinbart werden, dass alle weiteren, nicht genannten Leistungen, die zur Herstellung eines mängelfreien Werkes erforderlich sind, vom Festpreis umfasst sind und zu Lasten des Auftragnehmers gehen.


Tipp für Rechtsanwaltskollegen:
Wenn Sie Bauherren / Auftraggeber im Rahmen von Schadensersatzklagen wegen Mängeln beraten oder vertreten, sollten Sie stets überprüfen, ob die eine oder andere Schadensersatzposition evtl. Sowiesokosten darstellen könnte. In diesem Fall ist im Kosteninteresse des Mandanten stets darauf hinzuwirken, die Sowiesokosten von vornherein von der Schadensposition in Abzug zu bringen (sicherster Weg).

Zumindest sind Sie verpflichtet, Ihren Mandanten auf die Problematik der Sowiesokosten hinzuweisen und umfassen über die damit zusammenhängenden Prozessrisiken und Prozesskostenfolgen aufzuklären, wenn Sie es für gerechtfertigt halten sollten, die gesamte Summe ohne Abzug jener Kosten einzuklagen, da Sie sich andernfalls bei unterlassenem Hinweis gegenüber Ihrem Mandanten schadensersatzpflichtig machen könnten.

An dem Urteil des OLG Braunschweig können Sie ablesen, welche negativen Kostenfolgen das Argument der Sowiesokosten für die Bauherrenseite haben kann, wenn man diese Kosten nicht von vornherein als Abzugsposten berücksichtigt:

Die Klägerin wurde trotz bestehender Mängel an dem Bau verurteilt, rund 85 % der Prozesskosten beider Instanzen zu tragen. Bei einem Gegenstandswert von 12.810 € sind das für beide Instanzen insgesamt 7.024 € brutto. Sie "bekommt" als ausgeurteilte Hauptforderung lediglich 1.950 €, zahlt also mehr als 5.000 € drauf und muss die Mängelbeseitigungskosten bezüglich der Oberlichter obendrein letztlich selber tragen.





Oberlandesgericht Braunschweig, Urteil vom 20.12.2007, Az. 8 U 134/06, Fundstellen: Baurecht 2008, 1323-1326 und MDR 2008, 911.

Urteilstenor:

Auf die Berufung der Beklagten wird das Urteil des Landgerichts Braunschweig vom 06. Juli 2006, Az.: 2 O 442/06, abgeändert.

Die Beklagte wird verurteilt, an die Klägerin 1.950,00 Euro nebst Zinsen in Höhe von 5 Prozentpunkten über dem Basiszinssatz seit dem 22.03.2006 zu zahlen. Im Übrigen wird die Klage abgewiesen.

Die weitergehende Berufung wird zurückgewiesen.

Von den Kosten des Rechtsstreits erster Instanz tragen die Klägerin 87% und die Beklagte 13%.

Von den Kosten des Berufungsverfahrens tragen die Klägerin 85% und die Beklagte 15%.

Das Urteil ist vorläufig vollstreckbar.

Der Streitwert für das Berufungsverfahren wird auf 12.810,00 Euro festgesetzt.

Entscheidungsgründe:

Die zulässige Berufung der Beklagten hat überwiegend Erfolg. Lediglich in Höhe eines Teilbetrages von 1.950,00 Euro ist die Berufung unbegründet und hat die Klage mithin Erfolg. Im Einzelnen:

1.
Die Klägerin hat einen Anspruch auf Schadensersatz gegen die Beklagte aus abgetretenem Recht der W(fortan: WIS) i. H. v. 1.950,00 Euro aus § 13 Nr. 7 Abs. 3 Satz 1 VOB/B in Verbindung mit § 398 BGB.

a)
Die W hat ihre Mängelansprüche mit Vereinbarung vom 13.12.2005 / 02.01.2006 (Bl. 31 f. d. A.) an die Klägerin abgetreten.

b)
Zwischen der W und der Beklagten ist ein Bauvertrag auf der Grundlage der VOB/B - in der Fassung 2002 - entsprechend der Anlage 1 zum Auftrag vom 09.03.2004 (Bl. 20 d. A.) über die Errichtung der Lagerhalle IV Los 2 (Hochbauarbeiten) entsprechend dem Angebot vom 12.02.2004 (Bl. 18 f. d. A.) zustande gekommen.

c)
Das Werk der Beklagten ist mangelhaft im Sinne des § 13 Nr. 1 VOB/B.

aa)
Eine Werkleistung ist dann mangelhaft, wenn die Leistung des Auftragnehmers nicht die vertragliche Beschaffenheit aufweist oder das Werk zum typischen gewöhnlichen Gebrauch untauglich ist, insbesondere wenn es nicht den anerkannten Regeln der Technik entspricht. Eine mangelhafte Werkleistung liegt dann vor, wenn es an der behördlichen Genehmigungsfähigkeit der Baumaßnahme oder einzelner Teile fehlt (vgl. Heiermann/ Riedl, VOB, 10. Aufl., B § 13 Rn. 30).

bb)
Die Werkleistung der Beklagten, nämlich die Hochbauarbeiten, sind mangelhaft. Der Brandschutz ist nicht ausreichend, weil unstreitig 32 m² Wärmeabzugsflächen fehlen. Dies führt dazu, dass die Bauaufsichtsbehörde öffentlich-rechtlich die Halle nicht abgenommen hat. Bis zum Abschluss des hiesigen Rechtsstreits kann die Klägerin nach den Angaben ihres Geschäftsführers in der mündlichen Verhandlung die Halle nur aufgrund eines Dispenses nutzen.

cc)
Die Haftung der Beklagten ist nicht deshalb ausgeschlossen, weil die Vertragsparteien die Oberlichter einverständlich aus dem Vertrag herausgenommen haben. Denn die Beklagte muss den nach wie vor geschuldeten Werkerfolg – die Herstellung eines ausreichenden Brandschutzes – erreichen. Sie kann sich insofern nicht darauf beschränken, die von der Bauherrin gewünschten Einzelmaßnahmen – wie sie auch immer beschrieben seien – auszuführen. Vielmehr muss sie ein insgesamt taugliches Werk erstellen. Dies führt in Fällen dieser Art dazu, dass die Auftragnehmerin nach § 4 Nr. 3 VOB/B die Bauherrin darauf hinweisen muss, dass der geschuldete Werkerfolg bei Herausnahme der Oberlichter nicht erreicht werden kann. Sie hätte der Klägerin daher einen solchen Vorschlag nicht unterbreiten dürfen. Die Beklagte hat weder die W noch die Klägerin oder die von dieser beauftragten Architekten auf Bedenken bzgl. des Brandschutzes bei Herausnahme der Oberlichter hingewiesen.

d)
Der Vorschlag der Beklagten ist auch für den Mangel kausal geworden. Denn die Klägerin hat daraufhin die W beauftragt, eine Halle ohne ausreichenden Brandschutz zu errichten.

e)
Die Klägerin kann aber im Wege des Schadensersatzes lediglich einen Schaden i. H. v. 1.950,00 Euro geltend machen.

Die Klägerin hat grundsätzlich aus abgetretenem Recht einen Anspruch darauf, so gestellt zu werden, wie sie bzw. die W stehen würde, wenn ordnungsgemäß erfüllt worden wäre. Dies umfasst zunächst die Kosten für das nachträgliche Erstellen der zusätzlichen Wärmeabzugsfläche i. H. v. 12.810,00 Euro netto (vgl. Variante B des Angebots der Beklagten vom 24.11.2004, Bl. 27 d. A.). Die der Höhe nach unstreitigen Kosten sind aber um die Sowieso-Kosten zu kürzen.

Grundsätzlich gilt, dass Schadensersatzansprüche um diejenigen Mehrkosten zu kürzen sind, um die das Werk bei ordnungsgemäßer Ausführung von vornherein teurer gewesen wäre (vgl. BGH Baurecht 1994, 776, 779; BGH Baurecht 1984, 510, 512; BGH Baurecht 1999, 37, 38). Dies führt hier zu einer Differenzierung.

aa)
Hinsichtlich der Kosten für die Demontage der bereits errichteten Dachfläche scheiden Sowieso-Kosten aus. Denn bei von Anfang an ordnungsgemäßer Erfüllung des Werkes wären diese Kosten in unstreitiger Höhe von 1.950,00 Euro netto (vgl. Angebot der Beklagten vom 24.11.2004) nicht angefallen. Dies wird von der Beklagten auch nicht angegriffen.

bb)
Bei den Kosten i. H. v. 10.860,00 Euro für den nachträglichen Einbau der Oberlichter handelt es sich dagegen um Sowieso-Kosten. Dies ergibt sich aus folgender Überlegung:

Richtig ist, dass es dem Unternehmer nicht gestattet ist, sich über die Möglichkeit der Geltendmachung von Sowieso-Kosten seiner werkvertraglichen Erfolgshaftung zu entziehen. Daher muss in jedem Einzelfall die geschuldete Leistung konkret ermittelt und aus dem Vertrag heraus festgestellt werden. Hat der Auftragnehmer einen bestimmten Erfolg zu einem bestimmten Preis versprochen, so bleibt er an seine Zusage selbst dann gebunden, wenn sich die beabsichtigte Ausführungsart nachträglich als unzureichend erweist und aufwändigere Maßnahmen erforderlich werden (vgl. BGH Baurecht 1984, 510, 512). Hat der Auftragnehmer daher den Erfolg pauschal ohne jede Leistungsbeschreibung oder Leistungsverzeichnis versprochen, so können Sowieso-Kosten nur in dem Umfang entstehen, in dem die Pauschalierung überschritten wird (vgl. BGH Baurecht 1994, 776, 779).

Das Bausoll ist hier konkret beschrieben. Dem Leistungsverzeichnis (Ziffer 6.5.8) ist zu entnehmen, dass der Wärmeabzug über die Oberlichter erfolgen sollte. Genau diese Position ist herausgenommen worden, so dass folglich der vereinbarte Preis der Werkleistung auch bei geforderter komplett schlüsselfertiger Gesamtleistung ein Objekt ohne Wärmeabzug beinhaltet. Richtet sich die Kalkulation des Unternehmers wie hier nicht nach seiner eigenen Vorstellung, sondern nach einem Leistungsverzeichnis, bei dem gerade das Lichtband entsprechend Ziff. 4 des Angebots vom 31.01.2004 entfallen sollte, sind dann später notwendige Zusatzarbeiten gesondert zu vergüten. Beide Parteien haben im Ergebnis übereinstimmend eine bestimmte Ausführungsart (nämlich eine Halle ohne Oberlichter) zum Gegenstand des Vertrages gemacht und gemeinschaftlich daher den zunächst kalkulierten Werklohn reduziert. Dies ist, wie die Klägerin selbst einräumt, gerade Ziel der nunmehr vereinbarten Herstellungsart gewesen. In diesen Fällen ist daher von Sowieso-Kosten auszugehen (vgl. BGH Baurecht 1999, 37, 38).

2.
Die Klägerin kann auch keinen Anspruch auf Schadensersatz nach § 280 Abs. 1 BGB bzw. auf Erfüllung eines zwischen ihr bzw. der W und der Beklagten geschlossenen Garantievertrages im Hinblick auf einen einzuhaltenden Höchstpreis geltend machen.

a)
Grundsätzlich kann der Werkunternehmer im Rahmen eines Bauvertrages die Gewähr für einen weiteren, über die vertragsgemäße Herstellung hinausgehenden Erfolg übernehmen (vgl. Palandt/Sprau, BGB, 65. Auflage, § 634 Rn. 26). Erforderlich wäre insofern, dass zwischen den Parteien Einigkeit bestanden hat, dass bei Überschreitung der Höchstpreisgrenze der Bauunternehmer den Mehrbetrag selbst zu tragen hat (vgl. BGH NJW-RR 1987, 337). Die Einhaltung des Höchstpreises muss also Vertragsgegenstand und nicht bloße Geschäftsgrundlage sein.

b)
Ein derartiges "Einstehenwollen" für die Übernahme von Mehrkosten seitens der Beklagten hat die Klägerin aber nicht dargetan. Sie hat nur allgemein vorgetragen, dass "es allen Beteiligten bewusst und bekannt gewesen sei, dass das gesamte Auftragsvolumen für die hier streitgegenständliche Halle IV mit einem Festpreis von 400.000,00 Euro zzgl. Mehrwertsteuer erbracht werden müsse" (Bl. 4 d. A.). Die Beklagte habe vor dem Hintergrund, "dass ein maximaler Finanzierungsbetrag von 400.000,00 Euro zzgl. Mehrwertsteuer zur Verfügung gestanden habe", "die Erbringung der geschuldeten Leistung zu dem Gesamtbetrag zugesagt" (Bl. 10 d. A.). Auch in der Berufungsbegründung wird nur ausgeführt, dass lediglich Einigkeit bestanden habe, dass das Gesamtbauvorhaben für maximal 400.000,00 Euro netto zu realisieren sei. Damit kann, wie mit den Parteien im Termin vor dem Senat erörtert, nicht von einer Garantie ausgegangen werden, die die Beklagte verpflichtet hätte, Mehrkosten zu übernehmen.

3.
Die Klägerin kann einen Anspruch auf Zahlung von 10.860,00 Euro auch nicht im Wege eines Schadensersatzes wegen vorvertraglicher Pflichtverletzung nach §§ 241 Abs. 2, 280 Abs. 1, 311 Abs. 2 BGB geltend machen. Die Klägerin hat keinen kausalen Schaden dargetan.

a)
Die Beklagte hat pflichtwidrig gehandelt. Grundsätzlich entstehen zwischen Parteien bereits vor Vertragsschluss im Rahmen der Aufnahme von Verhandlungen Pflichten. Im Rahmen solcher hier unstreitig vorliegender Vertragsverhandlungen kann ein Anspruch auf Schadensersatz dann in Betracht kommen, wenn der Vertrag durch pflichtwidrige Einwirkung auf die Willensbildung des Geschädigten zustande gekommen ist. Denn dies ist in der Regel dann der Fall, wenn der Schädiger dem Geschädigten in Verletzung seiner Aufklärungspflicht unrichtige oder unvollständige Informationen gibt (vgl. Palandt/Heinrichs, a. a. O., § 311 Rn. 42).

Im Rahmen hier unstreitig vorliegender Vertragsverhandlungen ist die Beklagte verpflichtet gewesen, der Klägerin bzw. der W, keinen Vorschlag zu unterbreiten, die Oberlichter entfallen zu lassen. Denn die Beklagte hätte erkennen müssen, dass der Entfall des Lichtbandes zu einer mangelhaften Leistung führen muss.

b)
Aufgrund des unzutreffenden Vorschlages der Beklagten ist der Klägerin aber kein Schaden entstanden.

Ein Vermögensschaden ist regelmäßig gegeben, wenn der jetzige tatsächliche Wert des Vermögens des Geschädigten geringer ist als der Wert, den das Vermögen ohne das die Ersatzpflicht begründende Ereignis haben würde.

aa)
Die Pflichtverletzung der Beklagten wäre nur dann schadensursächlich, wenn die Klägerin, die insofern darlegungs- und beweispflichtig ist (vgl. BGH Baurecht 1997, 494, 497; Senat, Baurecht 2003, 1066, 1068), nachweist, dass bei zutreffender Aufklärung über die Erforderlichkeit der Oberlichter und die daraus resultierenden Kosten die W diesen Vertrag nicht abgeschlossen oder aber Einsparungen am Bau-Soll als Ausgleich vorgenommen hätte. Hierzu bedarf es der Darlegung eines hypothetischen Ablaufs, nämlich der tatsächlich nicht getroffenen Entscheidung der WIS zur Gestaltung des Bauvorhabens bei früherer Information über die zusätzlich erforderlichen Oberlichter und deren Kosten (vgl. BGH Baurecht 1997, 494, 497; Senat a. a. O.). Dabei verbietet sich eine typisierende Betrachtungsweise, wonach davon auszugehen ist, dass sich bei geschuldeter Aufklärung der Auftraggeber sachgerecht verhalten hätte. Beweiserleichterungen, wie sie bei der Vermutung aufklärungsgerechten Verhaltens bestehen, greifen bei individuell geprägten Willensentscheidungen nicht ein. Hier verbietet sich eine typisierende Betrachtungsweise, wonach davon auszugehen ist, dass sich bei geschuldeter Aufklärung der Auftraggeber sachgerecht verhalten hätte (vgl. BGH Baurecht 1997, 494, 497; Senat a. a. O.). Vielmehr muss der Bauherr darlegen, dass er nicht oder jedenfalls billiger gebaut hätte, wenn ihm – hier vor Vertragsschluss – die realistischen Kosten, nämlich einschließlich der für die Oberlichter, mitgeteilt worden wären. Auch ein geminderter Wahrscheinlichkeitsmaßstab greift in diesen Situationen nicht ein (vgl. BGH WM 2004, 1731). Vielmehr muss der Vortrag zur Überzeugung des Gerichts, § 286 ZPO, ausreichend sein.

bb)
Dieses zugrundegelegt hat die Klägerin keinen kausalen Schaden dargetan.

(1)
Soweit sie vorträgt, dass sie statt der eingesparten Oberlichter ansonsten die Halle verkleinert hätte, um so noch innerhalb des Bauvolumens von 400.000,00 Euro zu bleiben, ist ihr hierdurch kein Schaden entstanden. Denn die Erstellung einer Halle mit einem Segment weniger hätte zu einem kleineren Gebäude geführt. Die Halle hätte einen geringeren Wert, so dass kein Schaden bei der Klägerin verbleiben würde.

(2)
Auch wenn die Klägerin zum Zwecke der Kostenreduzierung eine leichtere Dachkonstruktion mit einer Mittelstütze gewählt hätte, gilt das Gleiche. Denn die Klägerin hätte dann ein Objekt erhalten, dass in seiner Nutzung erheblich eingeschränkt gewesen wäre. Das Vorhandensein einer Mittelstütze in einer Lagerhalle führt zu einem Abzug der nutzbaren Fläche und zu einer Einschränkung in der tatsächlichen Nutzung, z. B. in der Form, dass Gabelstapler sich nicht frei in der Halle bewegen können. Insofern ist auch von einem geringeren Wert als Folge der Einsparung auszugehen, so dass ein verbleibender Schaden nicht hinreichend dargetan ist.

(3)
Soweit die Klägerin vorträgt, dass sie bei pflichtgemäßer Beratung die Außenwände statt in Ytong in Metall-Sandwich-Bauweise erstellt hätte, kann dem nicht gefolgt werden. Denn die Klägerin hat selbst vorgetragen, dass die Außenwände auf ihren Wunsch hin in Ytong gebaut worden sind. Es ist weder dargetan noch ersichtlich, dass die Klägerin die Außenwände in Metall-Sandwich-Bauweise hätte erstellen lassen, wenn ihr bewusst gewesen wäre, dass nur so die Lagerhalle für 400.000,00 Euro zu verwirklichen gewesen wäre. Angesichts der Umstände, dass die Klägerin selbst die Arbeiten hat ausschreiben lassen, der Preis von 449.936,86 Euro netto auf 400.000,00 Euro netto ermäßigt sowie der Auftrag auf Bauherrrenseite aus Finanzierungsgründen noch in Tief- und Hochbau gesplittet wurde, ist kein Anhalt dafür gegeben, dass die Klägerin bei pflichtgemäßer Aufklärung die Wände in Metall-Sandwich-Bauweise statt in Ytong hätte errichten lassen. Es ist daher nicht nachvollziehbar, dass die Klägerin gerade eine solche Art der Einsparung vorgenommen hätte, wenn sie sachgerecht bezüglich der Oberlichter beraten worden wäre.

Darüber hinaus ist der Wert einer Halle in Metall-Sandwich-Bauweise geringer anzusetzen als der Wert einer in konventioneller Bauweise errichteter Halle. Ein verbleibender Schaden ist auch insoweit nicht dargelegt.

(4)
Die vom Geschäftsführer der Klägerin in der mündlichen Verhandlung vor dem Senat genannte Einsparung, z. B. durch den Einbau eines Bodens in geringerer Stärke, hätte ebenso zu Einschränkungen in der Nutzung und zu einem Wertverlust geführt. Auch insofern fehlt es an der Darlegung eines Schadens.

II.
Der Zinsanspruch bestimmt sich nach § 288 Abs. 1 S. 2 BGB. Es handelt sich hier nicht um eine Entgeltforderung im Rahmen eines Rechtsgeschäft, sondern um einen Anspruch auf Schadensersatz. Der erhöhte Zinssatz von 8 Prozentpunkten über dem Basiszins, § 288 Abs. 2 BGB, greift daher nicht ein.

III.
Die Kostenentscheidung folgt aus §§ 92 Abs. 1, 97 Abs. 1 ZPO. Die Regelung der vorläufigen Vollstreckbarkeit beruht auf §§ 708 Nr. 10, 711, 713 ZPO. Der Streitwert bestimmt sich nach § 3 ZPO.



Besprechung und Kritik:

Hinsichtlich der Annahme, dass es sich bei den Kosten für die Oberlichter weitgehend um Sowiesokosten handelt, ist dem OLG grundsätzlich recht zu geben.

Nicht einverstanden bin ich indes mit der Art der Berechnung der Sowiesokosten.

Zu recht hat das OLG die Kosten für die Demontage der Dachflächen, an deren Bereichen jetzt Oberlichter eingebaut werden sollen, nicht als Sowiesokosten angesehen. Aber es blieben weitere Positionen unberücksichtigt, die meines Erachtens ebenfalls keine Sowiesokosten darstellen. Diese hätten ermittelt werden und der Klägerin zusätzlich zu den 1.950,00 € zugesprochen werden müssen. Das gilt z.B. für folgende Positionen:

- Kosten für Aufbau und Bereitstellung eines Gerüstes zur Demontage der alten Dachflächenbereiche und zur Montage der Oberlichter. Wenn die Oberlichter gleich bei der Errichtung der Halle mit eingebaut worden wären, hätte das seinerzeit sicherlich vorhandene Dachdeckergerüst hierfür verwendet werden können.

- Kosten für die Entsorgung des Materials der "alten" Dachflächenbereiche. Diese Kosten wären nicht entstanden, wenn die Oberlichter gleich bei der Errichtung der Halle mit eingebaut worden wären.

- Das OLG berücksichtigt nicht die Kosten, die damals aufgewandt werden mussten, um diejenigen Dachflächen, die jetzt mit Oberlichtern ausgerüstet werden sollen, einzudecken (Material- und Arbeitslohn).


Das OLG scheint zudem nicht die tatsächlichen Baukosten mit / ohne Mangel miteinander zu vergleichen, sondern stützt seine Berechnungen auf ein Preisangebot der Beklagten, welches diese am 24.11.2004, also 8 1/2 Monate nach Werkvertragsschluss abgab.


Es ist vielmehr zur Bezifferung der Sowiesokosten eine sehr genaue Vergleichsberechnung anzustellen:

1.
Wie teuer wäre das Bauvorhaben - bezogen auf das Preis- und Vergütungsniveau des damaligen Ausführungszeitraums - gewesen, wenn es von Anfang an mit den Oberlichtern geplant und gebaut worden wäre?

2.
Wie teuer ist das Bauvorhaben tatsächlich in seiner mangelhaften Ausführung, ohne die Oberlichter, aber mit einer entsprechenden normalen Dacheindeckung auf den betreffenden Dachflächen gewesen?

=> Die Differenz zwischen beiden Preisen sind die Sowiesokosten. Diese sind von den tatsächlichen heutigen Mängelbeseitigungskosten dann, wenn der Bauherr Schadensersatz wegen des Mangels geltend macht, abzuziehen.

Wenn der Bauherr Mängelbeseitigungsansprüche geltend machen würde, hätte der Auftraggeber gegenüber dem Bauherren in Höhe der Sowiesokosten einen Kostenvorschussanspruch.







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